Sonntag, 28. März 2010, 20.00 Uhr

Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin


Johann Sebastian Bach: Johannes-Passion, BWV 245


Zum Programm

Gabriele von Moltke und Arndt Magister

Als Johann Sebastian Bach 1723 die Stelle des Leipziger Musikdirektors und Thomaskantors antritt, lässt ihn der Stadtrat eine Erklärung unterzeichnen. Darin verpflichtet er sich, Musik zu komponieren, „welche nicht opernhaft herauskomme, sondern die Zuhörer vielmehr zu Andacht aufmuntere“. Offenbar traut man dem Neuen nicht ganz. Leipzig ist damals eine höchst konservative Gemeinde. Bach ist nicht ihr Favorit für die Stelle. Erst nachdem die bevorzugten Kandidaten Telemann und Graupner ablehnten, kommt er zum Zuge. Zu der Zeit hat Bach noch keinen großen Ruf als Kirchenmusiker – am Köthener Hof hatte er sich vor allem der Instrumentalmusik gewidmet.

Passionen haben in Leipzig erst vor wenigen Jahren Einzug in die Gottesdienste gehalten – ganz im Gegensatz zu anderen Städten. Mit großer Zurückhaltung hat Bachs Vorgänger das neue Genre eingesetzt. Insofern dürfte die an Karfreitag 1724 in der Nikolaikirche uraufgeführte Johannes-Passion eine Überraschung für manches orthodoxe Gemeindemitglied gewesen sein. Denn Bach komponiert keine kirchlich bescheidene Fassung der Passion. Voller Dramatik entfaltet sich das Geschehen vor den Zuhörern: von der Gefangennahme bis zum Begräbnis Jesu. Er nimmt Anleihen beim Theater: zeitgenössische Tänze bilden die Basis für einige Arien. Die Viola d'amore war bis dahin noch nicht in einer Leipziger Kirche erklungen – sie galt als säkuläres Instrument. Bei den Chören des Volkes zieht Bach alle Register. Von hämischer Besserwisserei (Wäre dieser nicht ein Übeltäter) über blanken Hohn (Sei gegrüßet, lieber Jüdenkönig) bis zu blindwütiger Raserei (Weg, weg mit dem,Kreuzige!) erschließen sich dem Hörer alle Stufen der Massenhysterie. Bach spart nicht mit dissonanten Wendungen, Chromatik und jagenden Tempi, dies drastisch auszumalen. Die aufwühlende Dramatik der Chöre kontrastiert mit der verinnerlichten Betrachtung durch die Arien. Innerhalb des Solistenquintetts vertreten die hohen Stimmen vorzugsweise den Gestus der innigen Reflexion (Altarie Es ist vollbracht, Sopranarie Zerfließe, mein Herze). Die tiefen Stimmen drücken dagegen eher Verzweiflung und Zerrissenheit aus. Spiegeln die Arien die Wirkung des Geschehens auf den Einzelnen und dessen Betroffenheit wider, beziehen die Choräle die Gemeinde der Gläubigen ein. Bachs Chorsatz der durchweg bekannten Gemeindelieder kommentiert die Ereignisse und zieht eine allgemeinverbindliche Lehre aus ihnen.

Beim Text dagegen folgt er der Tradition. Er hält sich eng an das Evangelium und greift auf die zu seiner Zeit sehr populäre Nacherzählung des Bibeltextes von Barthold Heinrich Brockes zurück. Außerdem fügt er zwei kurze Teile des Matthäus-Evangeliums ein (Nr.12, Nr. 33), die beide der Steigerung der Dramatik dienen. Ganz macht sich Bach in seiner Komposition das Bild zu eigen, das der Evangelist Johannes von Jesus zeichnet: hier ist Christus der königliche Gottessohn, der strahlende Sieger und Herrscher (Der Held aus Juda siegt mit Macht), der auch in demütigenden Situationen Haltung bewahrt. Dieser Jesus hadert nicht mit seinem Schicksal wie in der Matthäus-Passion (Vater, warum hast du mich verlassen), er zeigt keine menschlichen Gefühle (Es ist vollbracht). Die Kreuzigung ist für ihn nur eine Durchgangsstation zur glorreichen Auferstehung.