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Sonntag, 07.10.2018, 20.00 Uhr

„27“

In ein spannendes musikalisches Abenteuer begibt sich der Studiochor Berlin mit seinem nächsten Konzert am Sonntag, 7. Oktober 2018, im Kammermusiksaal der Philharmonie. Zusammen mit dem 20. Klavierkonzert von Wolfgang Amadeus Mozart (d-Moll, KV 466), am Flügel Darya Dadykina, steht eine veritable Uraufführung auf dem Programm: Die eigens für den Chor geschriebene Komposition „27“ für gemischten Chor und Orchester, op. 25 von Frithjof Eydam (geb. 1985). Die Aufführung wird begleitet durch die Kammerakademie Halle. Die Leitung hat Alexander Lebek.

„27“ ist die Vertonung eines frühen Gedichtzyklus’ von Edgar Alan Poe (1809-1849), der nicht nur – wie allgemein bekannt – der Erfinder der modernen Kriminalerzählung war, sondern auch ein bedeutender Poet, der vor allem bei den französischen Symbolisten höchste Anerkennung fand. Die hohe Qualität der zarten, bildhaften, sehr vokalreichen und in sich schon musikalisch gearbeiteten Gebilde hat den jungen Komponisten gereizt, ihnen moderne Klanggewänder überzustreifen und sie dramaturgisch zu vertiefen. Dem Studiochor gibt dies Gelegenheit, mit dem Reichtum seiner Stimmenvielfalt zu glänzen und sich durch die Erarbeitung eines zeitgenössischen Werks neue Gestaltungsräume zu eröffnen.

Gabriele Weingartner

Interview mit Frithjof Eydam über seine für den StudioChor Berlin geschriebene Komposition „27“ für Chor und Orchester, op.25
Frithjof Eydam
(geb.1985 in der Prignitz) besuchte den Musikzweig der Latina August Hermann Francke in Halle/Saale und erhielt dort u.a. Unterricht in den Fächern Kontrabass (bei Wolfgang Berk) und Komposition (bei Willi Vogl). Er studierte an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig sowie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Wichtige Erfahrungen sammelte er außerdem als Solobassist im Landesjugendsinfonieorchester Sachsen-Anhalt.

Zurzeit arbeitet als freier Kontrabassist, Komponist und Dirigent in Halle an der Saale. Er ist Mitglied bei Concentus musicus, der Camerata Hallensis und regelmäßiger Gast verschiedener Ensembles in Halle und Umgebung. 2013 übernahm er die Leitung des Friedrich-Silcher-Chores und gibt mit diesem Chor mehrere Konzerte im Jahr. Er ist regelmäßiger Gast beim kammerchor cantamus halle. Seit August 2017 leitet er zudem den Kammerchor vocHALes. Weitere Tätigkeitsfelder sind das Unterrichten als freier Klavier- und Musiktheorielehrer sowie das Komponieren. Verschiedene kammermusikalische Werke und Chorkompositionen wurden u.a. in Halle, Berlin, Dresden, Köln und den USA aufgeführt. Als Dozent arbeitete er bereits für das Akademische Orchester Halle und den Landeschorverband Sachsen-Anhalt.

Frage: Erzählen Sie mir von Ihren Chor-Erfahrungen!
Ich habe schon lange Erfahrungen mit Chören! Als Sänger und als Chorleiter und Dirigent. Als Kind sang ich im Schulchor des Musikzweigs der Latina August Hermann Francke in Halle/Saale, dann im Hochschulchor der Universitäten Leipzig und Halle-Wittenberg.  In diese Zeit fiel auch die mit Alexander Lebek vollzogene Gründung eines Kammerchors, des Kammerchors Incanta. Zurzeit leite ich zwei Chöre, seit 2013 den Friedrich-Silcher-Chor und den Kammerchor vocHAles. Das heißt, ich kann durchaus beurteilen, wo die Möglichkeiten und Grenzen von Laien liegen. Für meine Komposition „27“ bedeutet dies, dass ich einem Chor – dem Studio Chor also - ein Werk quasi „auf den Leib schneidern“ könnte. Zudem kenne ich die Arbeitsweise Alexander Lebeks. Wir gehen fair und ehrlich miteinander um und kennen uns seit langem.

 Frage: Warum ausgerechnet Edgar Allan Poe (1809 - 1849)? Was fasziniert Sie an diesem Dichter, der ja auch ein Erzähler war? Wie können seine frühen Gedichte, die er im Alter von 21 Jahren schrieb und erst einmal nur in einer Mini-Auflage publizieren ließ *, mit dem Werk eines Komponisten aus dem 21. Jahrhundert korrespondieren?
Ich finde Poes Sprache unglaublich bildhaft, kontrastreich und klangvoll, seine Gedichte klingen geradezu, sie besitzen eine große Bandbreite, tatsächlich arbeitet Poe mit Vokalen ähnlich variationsreich wie Shakespeare. Dass sich der gleichfalls so „musikalisch“ dichtende Baudelaire sofort für Poe begeisterte und ihn ins Französische übersetzt hat, ist kein Wunder. In ihrer literarischen Unangepasstheit waren sie geistige Brüder.Was meine Vertonung von Poe-Gedichten anbelangt,so war das übrigens ein Zufall. Für eine in meinem Kopf bereits existierende Musik suchte ich erst einmal – vergeblich - bei den deutschen Romantikern, bevor ich auf „The Lake“ von Edgar Allan Poe stieß. Und so ging es dann auch los mit meinem Interesse für diesen Dichter, es verbreiterte sich rapide, und meine Begeisterung wuchs.

Frage: Gibt es Lieblingsgedichte in dem Zyklus? Welches Gedicht war am schwierigsten zu übersetzen?
Das lässt sich gar nicht so leicht sagen. Emotional bestechend wirkt auf mich vor allem die sich durch den ganzen Zyklus ziehende Melancholie, sie kommt mir sehr entgegen. „The Lake“ und „The Spirit oft the Dead“ sind schon sehr starke, mich herausfordernde Gedichte. Und als (zurzeit) noch sehr schwierig empfinde ich die sogenannten „Stanzas“, die direkt Bezug auf Byron nehmen. Das wird sich jedoch bestimmt noch klären.

Frage: Poes Gedichte drehen sich um Liebe, Natur, Tod, innere Erlebnisse, Visionen, Imaginationen. Sollte man deren musikalische Verdeutlichung nicht eher einem Sänger oder einer Sängerin anvertrauen? Und nicht einem Chor?
Oh, das kommt auf die Dramaturgie an! So etwas Essentielles wie das lyrische Ich eines Gedichtes und dessen Gefühlsschattierungen lässt sich auch musikalisch ausdrücken. Man kann Intimes darstellen, indem man kleinere Stimmgruppen singen lässt, ein  Fernchor kann bestimmte poetische Effekte stärker nachwirkenoder anklingen lassen kann. Man kann Stimmgruppen teilen, 12fach zum Beispiel, was ich vorhabe. Es gibt unendliche Möglichkeiten der Differenzierung für einen Chor, rauschhafte, euphorische, traurige oder schlichte Gefühle abzubilden oder bestimmte emotionale Situationen zu kreieren.

Frage: Berücksichtigen Sie in Ihrer Komposition auch Poes „dämonische“ Seiten, die in seinem Frühwerk ja noch gar nicht vorhanden sind? Überhaupt seine Biografie und das, was Sie wissen über sein tragisches Leben: fließt das in Ihre Komposition ein?
Ja, durchaus… in gewisser Weise. Wie Poes frühe Poesie hängt auch meine Komposition mit dem Verlust eines lieben Menschen zusammen, hat also einen persönlichen Hintergrund. Tatsächlich widme ich „27“ meinem im letzten Jahr verstorbenen Freund, einem Schriftsteller. Die motivische Grundlage meines für den StudioChor komponierten Werkes wird denn auch aus dessen in Töne gefassten Initialen S.F. bestehen.

Frage: Wie steht es mit der musikalischen Begleitung? Brauchen Sie ein Orchester für Ihre Vertonung?
Ja! Das hat erst einmal einen praktischen Hintergrund! Die Instrumentierung der Uraufführung meiner Komposition  „27“  - am 7. Oktober 2018 im Kammermusiksaal der Philharmonie- resultiert direkt aus der Instrumentierung der Mozart’schen Werke, die ebenfallsauf dem Programm stehen: aus der Jupiter-Symphonie also und aus dem d-moll-Klavierkonzert (KV 466). Das Klavier wird ins orchestrale Geschehen eingebunden, wie in vielen Werken des 20. Jahrhunderts. Eine besondere Rolle weise ich der nur einmal – im Gegensatz zu den Hörner und Trompeten – vorhandenen Flöte zu … Und dann kommt auch noch – abweichend von der instrumentellen Vorgabe – eine Konzertgitarre vor ...

Frage: Klären müssen wir jetzt unbedingt noch den geheimnisvollen Titel Ihres Werkes. Warum nennen Sie Ihr Werk „27“? Das ist ja keine fortlaufende Nummerierung, wie man am op. 25 erkennen kann.
Im Grunde bin ich ein sehr strukturell arbeitender Komponist, ich halte nichts von pompösen Titeln, die mein Publikum inhaltlich und gefühlsmäßig womöglich in eine falsche Richtung locken. Dagegen hat die Zahl 27 ein großes Potenzial an möglichen, auch metaphysischen  Auslegungen. Es steckt immer die 3 drin, 27 ist 3x3x3. Dann die göttliche Trinität. Zudem hat Poe seine Gedichte 1827 veröffentlicht, … und last but not least, das Orchester besteht aus 26 Musikern, aus denen ich aber … mit der Hinzufügung des Konzertgitarristen 27 Musiker mache.

Frage: Wie komponieren Sie? Vom Kopf in den PC oder in die Finger? Brauchen Sie ein Klavier?
Ich entwickele meine Stücke lange Zeit im Kopf, bevor ich sie aufs Notenpapier schreibe und dann schließlich in ein Notenschreibprogramm. Orchestersätze entstehen nach und nach, oftmals mache ich ein Particell **, um zu sehen, wie es weitergehen kann. Um die Singbarkeit einzelner Passagen zu prüfen, brauche ich dann auch ein Klavier. Was die Komposition „27“ anbelangt, so wird es bestimmt beim Proben und durch die Gespräche mit Alexander Lebek noch kleine Änderungen geben.

(Interview: Gabriele Weingartner)

*„Tamerlane and Other Poems“ ist das erste, anonym veröffentlichte Werk des US-amerikanischen Schriftstellers Edgar Allan Poe. Der nur 40 Seiten umfassende Gedichtband erschien 1827. Die Gedichte sind geprägt von großen Vorbildern wie Percy Bysshe Shelley, Samuel Taylor Coleridge und vor allem Lord Byron.

** Das Particell ist der notierte Entwurf eines Musikstücks, das nicht als fertige Partitur aufgeschrieben ist, sondern in einigen wenigen Notensystemen die Verteilung der Stimmen skizziert. In den einzelnen Stimmen werden Anmerkungen zur späteren Ausführung gemacht, anhand derer die endgültige Instrumentation vorgenommen wird.